Seit Jahrhunderten steht St. Peter mitten in Recklinghausen. Bekannt ist sie trotzdem längst nicht bis ins Detail: Zwischen Bombenspuren, Baumeistersage und Beinkeller steckt mehr Geschichte, als man ahnt.
Manche Orte sind so bekannt, dass man irgendwann aufhört, genau hinzusehen. St. Peter gehört dazu. Seit Jahrhunderten steht die Kirche mitten in Recklinghausen, fast schon selbstverständlich. Dabei liegen viele ihrer spannendsten Geschichten nicht offen auf der Hand, sondern im Mauerwerk, unter dem Boden oder in kleinen Details, an denen man sonst vorbeiläuft. Zeit also, ein bisschen genauer hinzusehen.
Stille Zeitzeugen
Es ist das sechste Jahr des Zweiten Weltkriegs. Am 13. September 1944 fliegen alliierte Bomber über Recklinghausen, rund um den Kirchplatz schlagen mehrere Bomben ein. Um 18.27 Uhr trifft es die Sakristei von St. Peter. Quelle dafür: die Uhr selbst (rechts oben). Sie bleibt durch den Einschlag genau zu diesem Zeitpunkt stehen – und hängt bis heute in der Sakristei. Die Nordseite der Kirche wird schwer beschädigt, ebenso der Christus-Corpus aus dem 15. Jahrhundert (Mitte unten). Der zerstörte Torso lag bis zum Jahr 2000 ebenfalls dort und steht heute sichtbar im Kirchenraum – als Mahnmal für Krieg und Zerstörung.
Teufel als Baupartner
Keine Mystik ohne Legende – die von St. Peter geht ungefähr so: Der Baumeister hatte Probleme, die Kirche rechtzeitig fertigzustellen, vor allem an den Steinen haperte es. Also schloss er einen Pakt mit dem Teufel: Sobald der Schlussstein eingesetzt werde, solle seine Seele fällig sein. Der Baumeister fand allerdings ein Schlupfloch und ließ den Stein einfach weg. Erst post mortem setzte man den Schlussstein ein – mit den Gesichtszügen des Baumeisters. Innerhalb der Kirche prangt tatsächlich das
Gesicht eines Baumeisters (Mitte oben) – und gibt der alten Sage bis heute zumindest ein ziemlich schönes Gesicht.
Urzeit untenrum
Auch der Sockel von St. Peter hat etwas zu erzählen – und das reicht deutlich weiter zurück als die Kirchengeschichte. Zwischen den Steinen zeichnen sich versteinerte Fossilien ab, teils mit erstaunlich deutlichen Rippen und Konturen. Rund 80 Millionen Jahre dürften sie alt sein. Damals lag dort, wo heute das Vest ist, ein flaches Kreidemeer. Muscheln sanken in den sandigen Meeresboden, wurden eingebettet und hinterließen beim Versteinern ihre Abdrücke. Später verfestigte Kieselsäure den Sand zum harten Stimberg-Quarzit. Der wiederum landete Jahrmillionen später als Baumaterial in Recklinghausen.
Krypta als Schatzkammer
Platz für Tote war rund um St. Peter irgendwann Mangelware. Nach einer gewissen Liegezeit wurden Gräber wieder geöffnet und die Gebeine entnommen. Ihre neue Ruhestätte fanden sie im Beinkeller unter der Michaelskapelle. Der halb im Boden liegende Raum gehört zu einem Anbau von 1523; vier flache Kreuzgewölbe treffen sich dort auf einer massiven Steinsäule. Heute heißt der ehemalige Beinkeller Krypta – vom griechischen kryptē, „die Verborgene“. Voraussichtlich 2027 soll daraus eine Schatzkammer werden: mit historischen Messgewändern, Kelchen und Weihrauchfässern in Vitrinen.