Die Barber Angels sehen aus wie ein Motorradclub und sind doch eine rollende Friseurmission. In Recklinghausen ist Ute Ganser-Koll dabei, wenn im Gasthaus der Gastkirche aus einem Haarschnitt ein Moment von Würde wird.
Auf den ersten Blick könnte man sie für einen Motorradclub halten: schwarze Kutten und ein gemeinsames Emblem. Doch die Barber Angels Brotherhood ist kein Rockerclub, sondern ein Verein von Friseurinnen und Friseuren, die sich ehrenamtlich für Menschen in schwierigen Lebenssituationen engagieren. In sozialen Einrichtungen in ganz Deutschland und darüber hinaus greifen sie zu Kamm und Schere und bieten kostenlose Friseurdienstleistungen an.
Auch in Recklinghausen sind die Barber Angels regelmäßig zu Gast – im Gasthaus der Gastkirche in der Innenstadt. Dort hatte man die Angels vor zwei Jahren kontaktiert und eingeladen. Mittlerweile waren sie zum fünften Mal in der Heilige-Geist-Straße im Einsatz. Eine von ihnen ist Ute Ganser-Koll. „Das sind besondere Begegnungen“, sagt die Recklinghäuser Friseurmeisterin. „Sehr emotional. Man muss da mit einer gewissen Sensibilität rangehen.“
Zu jenen, die das Angebot nutzen, gehören unter anderem wohnungslose Menschen, Menschen mit Suchterkrankungen oder Menschen, die aus anderen Gründen keinen Zugang zu regulären Friseurdienstleistungen haben. Bei den Barber Angels heißen sie bewusst nicht Kundschaft, sondern Gäste. Das habe mit Haltung, Respekt und Begegnung auf Augenhöhe zu tun, erzählt sie. Deshalb geht man sehr vorsichtig miteinander um. „Wenn wir die Kopfhaut massieren, machen unsere Gäste gern die Augen zu und genießen einfach nur.“ Für manche ist der neue Haarschnitt mehr als eine äußere Veränderung. Es geht auch darum, sich wieder gesehen und gepflegt zu fühlen. Die Dankbarkeit ist oft groß. Neulich spielte einer der Gäste für Ute Gitarre.
Das Erkennungszeichen der Barber Angels sind ihre schwarzen Kutten. Sie sind ihr Zeichen der Gemeinschaft. „So werden wir sofort erkannt“, sagt Ute. „Viele sagen, dass sie uns schon im Fernsehen oder auf Social Media gesehen haben. Das senkt die Hemmschwelle.“
Grundvoraussetzungen, um bei den Barber Angels mitzumachen, sind also weder ein Motorradführerschein noch besondere Coolness. Gefragt sind vielmehr eine positive Haltung und soziale Offenheit für Menschen, deren Lebenswege oft von Brüchen, Krisen oder Ausgrenzung geprägt sind. „Auch die bewegenden Lebensgeschichten, die wir hören, kann nicht jeder verkraften.“ Manche Kolleginnen und Kollegen merkten mit der Zeit, dass dieser Einsatz nicht der richtige für sie ist. Viele engagieren sich nun an anderer Stelle weiter.
„Das muss man können, und das muss man wollen.“
Ute jedenfalls liebt die Frisierkunst als Ehrenamtliche genauso wie als Geschäftsfrau im eigenen Salon. Und das auch nach mehreren Jahrzehnten noch – nach Berufsalltag in Friseurgeschäften und als Haarkünstlerin in Sternehotels. An ihren freien Tagen regelmäßig für Menschen da zu sein, die sich einen Friseurbesuch oft nicht leisten können, hat sie nie bereut. Angefangen hat ihr Engagement 2015. Damals wollte sie geflüchteten Menschen kostenlos die Haare schneiden. So lernte sie die kurz zuvor gegründeten Barber Angels kennen, bei denen sie inzwischen schon lange aktiv und auch im Vorstand tätig ist.
Momentan planen die Barber Angels ihre nächsten Einsätze. Dabei gibt es viel zu koordinieren, zumal immer mehr Anfragen eingehen. „Wir kommen kaum noch hinterher und wünschen uns noch mehr Unterstützer. Sei es Friseurinnen und Friseure, ehrenamtliche Fotografen oder Organisationshelfer.“